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Stromnetz 2.0: Wird die Informationstechnologie die Energieversorger wachküssen?

Stromnetz 2.0: Wird die Informationstechnologie die Energieversorger wachküssen?

Timeloc
27. Februar 2008
Berlin
Deutschland

Am 27. Februar 2008 fand anlässlich des Besuches von Suedeen Kelly, Kommissarin an der US-Bundesenergieaufsichtsbehörde (Federal Energy Regulatory Commission, FERC), ein Ecologic Dinner Dialogue statt. In ihren einführenden Bemerkungen betonte Suedeen Kelly, dass sich viele Stromversorger in den USA durchaus der Potentiale neuer Netztechnologien bewusst sind – das „Wachküssen“ durch Informationstechnologie scheint demnach zu funktionieren. Allerdings geschieht die Errichtung intelligenter Energienetze – sogenannter „Smart Grids“ – nicht von allein.

„Smart Grids“ haben vielfältige Vorteile: Durch Echtzeitinformation können Energieverbrauchsspitzen reduziert werden. Dies verringert die benötigte Stromerzeugungskapazität, was wiederum einen Zeitgewinn für die weitere Entwicklung kohlenstoffarmer Energietechnologien bedeutet, die alte Kraftwerke ersetzen können. Ebenso eröffnet intelligente Netztechnologie neue Möglichkeiten, Strom zu speichern und Energie aus dezentraler Erzeugung – darunter erneuerbare Energiequellen – ins Netz einzuspeisen. Außerdem kann die Zuverlässigkeit der Stromnetze erhöht werden, etwa durch die ferngesteuerte Behebung von Versorgungsunterbrechungen.

In den USA sind führende Energieversorgungsunternehmen optimistisch, dass die Zeit für die Installation intelligenter Netztechnologien gekommen ist. Die Kosten dieser Technologien haben sich entscheidend verringert. Da überdies in den letzten 40 Jahre kaum in die Versorgungsnetze investiert wurde, müssen sie jetzt ohnehin erneuert werden. Auf der Verbraucherseite erhöhen die in letzter Zeit drastisch gestiegenen Energiepreise die Bereitschaft, mehr zu zahlen, wenn dies der langfristigen Effizienzsteigerung dient. Ein gestiegenes Bewusstsein für die Klimaproblematik schafft zusätzlichen Druck von Verbrauchergruppen.

Trotz dieser günstigen Voraussetzungen sehen nicht alle Energieversorger „Smart Grids“ als eine lohnende Investition. Vertikal verflochtene Unternehmen erblicken in der Errichtung intelligenter Netze eher einen Nachteil, da sie durch die Bedarfseinsparung weniger Strom absetzen können. Für entflochtene Unternehmen ist dies weniger problematisch; jedoch gibt es auch vertikal integrierte Unternehmen, die langfristige Visionen verfolgen und neue Geschäftschancen wittern, etwa den Betrieb von Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Als weitere Voraussetzung müssen die Regulierungsbehörden der Bundesstaaten davon überzeugt werden, die Erhöhung von Stromtarifen zu genehmigen. Wesentlich ist hierfür eine enge Zusammenarbeit zwischen Regulierungsbehörden auf Bundes- und Einzelstaatenebene, zwischen denen kürzlich zu diesem Zweck ein Dialog über Smart Grids ins Leben gerufen wurde.

Nicht zuletzt gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Bundesstaaten. Kalifornien nimmt nicht nur wegen der dort allgemein verbreiteten Begeisterung für neueste Technologien eine Führungsrolle ein, sondern auch wegen der prekären Situation seiner Energieversorgung: Während die Wirtschaft in den letzten Jahren boomte, wurde der Ausbau der Kapazitäten vernachlässigt. Im Interesse der Energieversorger liegt es also nicht, mehr Strom zu verkaufen, sondern die Notwendigkeit des Neubaus von Kraftwerken hinauszuschieben, indem die Nachfrage gedrosselt wird.

Beim Dinner-Gespräch wurden die Parallelen und Unterschiede in der Marktdynamik zwischen den USA und Deutschland / Europa erörtert. Einer dabei geäußerten Einschätzung zufolge schaffen der stark eingeschränkte Wettbewerb und das Vorherrschen vertikal verflochtener Unternehmen in Deutschland wenig Anreize, in neue Netztechnologien zu investieren. So ist „Smart Metering“ – die Verwendung digitaler Stromzähler – in Italien (wie auch in Kalifornien) bereits vorgeschrieben, während seine Anwendung in Deutschland bisher auf wenige regionale Pilotprojekte beschränkt ist. Die meisten Energieversorger können für sich hier keinen Vorteil erkennen, und einige befürchten offenbar, dass die Strompreise dadurch zu transparent würden. Vertreter der Energieversorgungsunternehmen verwiesen demgegenüber auf die Diskrepanz zwischen dem politischen Willen, die Netze zu modernisieren, und der ablehnenden Haltung der Regulierungsbehörden bei der Genehmigung von Preisaufschlägen für die Verbraucher.

Dennoch sahen eine Reihe von Teilnehmern auch in Deutschland eine Aufbruchsstimmung für „intelligente Netze“. Als das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie im vergangenen Jahr ein Förderprogramm für die Forschung und Entwicklung im Bereich Smart Grids auflegte, gab es eine überwältigende Resonanz in Form von Förderanträgen. Für die kommenden Jahrzehnte wurden einschneidende Innovationen für Deutschland und die EU vorausgesagt. Die Anwendung von Demand Response – Laststeuerung – kann zu einer Differenzierung der Tarifsysteme führen: Günstige Tarife könnten an das Risiko gekoppelt sein, dass bestimmte Geräte zu Spitzenlastzeiten vom Netz abgeschnitten werden, während weniger risikobereiten Verbrauchern die uneingeschränkte Wahl ihres Stromverbrauchs erhalten bleiben würde, allerdings zu höheren Preisen. Als weitere Zukunftsvision könnte man sich eine Internetplattform ähnlich wie eBay vorstellen, auf der private Haushalte mit Energie handeln. Mit wie viel Enthusiasmus die Verbraucher in Deutschland solche Entwicklungen aufnehmen würden, bleibt abzuwarten. Nicht nur Bedenken wegen der Preisgabe vertraulicher Daten könnten eine Rolle spielen: Angesichts der geringen Verbreitung von Klimaanlagen und ähnlich energieintensiven Anwendungen wäre das Handelsvolumen hierzulande vielleicht auch zu gering, um die Sache wirtschaftlich interessant zu machen.

Weiterführende Links:

Sponsor: Mit freundlicher Unterstützung der Diplomatischen Vertretung der USA in Deutschland.


Sprecher
Suedeen Kelly
Datum
27. Februar 2008
Ort
Berlin, Deutschland