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Bioökonomiekonzepte und Diskursanalyse

Bioökonomiekonzepte und Diskursanalyse

Der hohe politische Stellenwert der Bioökonomie, als Weg um ökonomische, ökologische und soziale Herausforderungen zu bewältigen, ist nicht zu übersehen — bis 2019 wurden weltweit über 50 dezidierte und Bioökonomie-unterstützende Politikstrategien veröffentlicht. Gleichzeitig ist das Konzept der Bioökonomie nicht unumstritten und birgt viele Zielkonflikte. Dieser Forschungsbericht untersucht, welche konkreten Ziele Bioökonomiepolitiken haben, welche Akteure dabei welche Interessen verfolgen, welche Positionen die unterschiedlichen Akteure einnehmen, welche Argumente für und gegen Bioökonomie-Strategien hervorgerbacht werden und welche ethischen Implikationen die Förderung der Bioökonomie haben kann.

Zoritza Kiresiewa und Marius Hasenheit vom Ecologic Institut analysieren in diesem Forschungsbericht Bioökonomie-Strategien und -Akteure. Die Analyse zeigte, dass die in den Strategiepapieren präsentierten "Bioökonomie-Visionen" in der Regel nur grob definiert sind. Dabei überwiegt die Vision von einer neuen Wirtschaftsform, die statt fossilen Ressourcen Biomasse als Rohstoff für die Produktion von Kraftstoffen, Elektrizität, Chemikalien, Kunststoffen und Textilien nutzt. Aufgeführt werden in den Strategiepapieren auch verschiedene Umweltbelange, wie die Substitution fossiler Ressourcen durch biologische, Naturschutz und eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Hervorgehoben werden diese jedoch in der Regel nicht.

Generell lässt sich feststellen, dass die Bioökonomie durch eine stark fragmentierte Akteurslandschaft geprägt ist. Die verschiedenen Akteursgruppen favorisieren dabei in der Regel den jeweiligen Entwicklungspfad, der ihren Interessen am ehesten entspricht. Dementsprechend ergeben sich Zielkonflikte – etwa Nutzungskonkurrenzen um Land und Biomasse ("Teller vs. Tank"), steigende Biomassennachfrage (Ausweitung & Intensivierung landwirtschaftlicher Nutzung) sowie Biomasse-Nutzung durch Biotechnologieanwendungen welche auf Naturschutzansprüche treffen. Diese Zielkonflikte werden in den Strategiepapieren mit unterschiedlicher Gewichtung adressiert, jedoch kaum gelöst.

Die Analyse des aktuellen Bioökonomie-Diskurses in Deutschland, die vom Öko-Institut durchgeführt wurde,  weist eine starke Polarisierung auf und kann in drei (nicht trennscharf abgrenzbare) Teildiskurse unterteilt werden:

  • einen affirmativen Bioökonomie -Diskurs, der Chancen der Bioökonomie betont;
  • einen pragmatischen Bioökonomie -Diskurs, der Chancen und Risiken der Bioökonomie gegeneinander abwägt und nach stringenten Nachhaltigkeitsstandards ruft;
  • einen kritischen Bioökonomie -Diskurs, der mit dem aktuell genutzten Konzept der Bioökonomie mehr ökologische und soziale Risiken als Chancen verbindet und einen grundsätzlicheren Wandel fordert.

Der Bericht steht zum Download bereit.


Zitiervorschlag

Kiresiewa, Zoritza et. al. 2019: Bioökonomiekonzepte und Diskursanalyse. Teilbericht (AP1) des Projekts "Nachhaltige Ressourcennutzung – Anforderungen an eine nachhaltige Bioökonomie aus der Agenda 2030/SDG-Umsetzung". Umweltbundesamt: Dessau-Roßlau.

Sprache
Deutsch
Autor(en)
Franziska Wolff (Öko-Institut)
Martin Möller (Öko-Institut)
Prof. Dr. Bernward Gesang (Universität Mannheim)
Patrick Schröder (University of Sussex)
Finanzierung
Verlag
Jahr
2019
Umfang
177 S.
Projektnummer
3526
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Zusammenfassung
Summary

1. Einführung

2. Politische Bioökonomie-Strategien und Akteure
2.1 Methodische Vorgehensweise
2.2 Analyse politischer Bioökonomie-Strategien
2.2.1 Die EU-Bioökonomie-Strategie
2.2.2 Bioökonomie-Strategien in Deutschland
2.2.3 Bioökonomie-Strategien einzelner EU-Mitgliedsstaaten sowie weiterer Nicht-EU-Staaten: Zusammenfassende Analyse
2.2.3.1 Motivation zur Strategieentwicklung / Politikfokus
2.2.3.2 Adressierte Sektoren bei der Strategieentwicklung und -umsetzung
2.2.3.3 Fokus auf Ressourcen
2.2.3.4 Einsatz finanzieller Mittel
2.2.3.5 Adressierte Nachhaltigkeitsaspekte
2.2.3.6 Bioökonomie-Strategien im Entwicklungsprozess
2.3 Analyse von Akteuren der Bioökonomie: Wer vertritt welche Interessen mit welchen Ressourcen und welchem Einfluss?
2.3.1 Einfluss von Akteursgruppen auf die Strategieentwicklung
2.3.2 Interessen und Ressourcen
2.3.3 Positionen globaler Akteure
2.3.4 Akteurskonstellationen in ausgewählten Ländern
2.3.4.1 Initiativen, Netzwerke und Schlüsselakteure in Italien
2.3.4.2 Initiativen, Netzwerke und Schlüsselakteure in Brasilien
2.3.4.3 Initiativen, Netzwerke und Schlüsselakteure in Indonesien (und Malaysia)
2.4 Synthese der Ergebnisse
2.6 Quellenverzeichnis zu Kapitel 2

3 Der deutsche Bioökonomiediskurs: Schlüsselindustrie der Zukunft oder neue Ausbeutung der Natur?
3.1 Methodik
3.1.1 Theoretisch-konzeptioneller Rahmen
3.1.2 Datensammlung
3.1.3 Datenauswertung
3.1.5 Zwischenergebnis: Identifizierung von drei Teildiskursen
3.2 Der affirmative Bioökonomiediskurs
3.2.1 Die Diskurskoalition
3.2.2 Bioökonomieverständnis und Framing
3.2.2.1 Bioökonomie als globales Nachhaltigkeitsprojekt mit ökologischem Nutzen
3.2.2.2 Bioökonomie als Innovations- und Technologieprojekt
3.2.2.3 Bioökonomie als sektorales und nationales (bzw. EU-, OECD-) Projekt für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit
3.2.2.4 Grenzen der Bioökonomie: Ressourcenverfügbarkeit
3.2.2.5 Gerechtigkeitsbezüge
3.2.2.7 Akteure der Bioökonomie
3.2.2.8 Natur als Rohstoffquelle
3.2.3 Regelungsbedarfe und politische Strategien
3.2.3.1 Zurückhaltung des Staates oder industriepolitisches Engagement?
3.2.3.2 Sicherung und Ausweitung der Biomasseverfügbarkeit
3.2.3.3 Effizienzsteigerung in Biomasseerzeugung und -nutzung
3.2.3.4 Nachhaltigkeitsanforderungen an Erzeugung und Bereitstellung der "Rohstoffe"
3.2.4 Sprachlich-rhetorische Strategien
3.2.5 Diskussion
3.3 Der pragmatische Bioökonomiediskurs
3.3.1 Die Diskurskoalition
3.3.2 Bioökonomieverständnis und Framing
3.3.2.1 Bioökonomie als Chance, aber auch Risiko für Nachhaltigkeit im globalen Norden und Süden
3.3.2.2 Gedämpfte Erwartungen an den ökonomischen Nutzen der Bioökonomie
3.3.2.3 Gerechtigkeitsbezüge
3.3.2.4 Akteure der Bioökonomie
3.3.2.5 Natur als Ressource, aber auch mit Eigenwert
3.3.3 Regelungsbedarfe und politische Strategien
3.3.3.1 Starke Leitplanken für die Nachhaltigkeit der Bioökonomie
3.3.3.2 Auch „Exnovation“ und Politikterminierung werden nicht ausgeschlossen
3.3.3.3 Internationaler Regulierungsrahmen für die Bioökonomie
3.3.4 Sprachlich-rhetorische Strategien
3.3.5 Diskussion
3.4 Der kritische Bioökonomiediskurs
3.4.1 Die Diskurskoalition
3.4.2 Bioökonomieverständnis und Framing
3.4.2.1 Der Begriff der Bioökonomie als große Erzählung – oder als Nebelkerze?
3.4.2.2 Die Risiken der Bioökonomie (im dominanten Verständnis) werden unterschätzt
3.4.2.3 Das dominante Bioökonomieverständnis ist industriegetrieben, undemokratisch und machtblind
3.4.2.4 Bioökonomie muss mehr sein als technologiezentrierte Substitution fossiler Energien und Rohstoffe
3.4.2.5 Gerechtigkeitsbezüge
3.4.2.6 Akteure der Bioökonomie
3.4.2.7 Natur: Mehr als der "Rohstoff" "Biomasse"
3.4.3 Regelungsbedarfe und politische Strategien
3.4.3.1 Einbettung der Bioökonomie in eine sozialökologische Transformation
3.4.3.2 Demokratisierung der Bioökonomie
3.4.3.3 Starke Leitplanken für die Nachhaltigkeit der Bioökonomie hier und in Erzeugerländern
3.4.4 Sprachlich-rhetorische Strategien
3.4.5 Diskussion
3.5 Medienberichterstattung zur Bioökonomie
3.6 Fazit
3.7 Quellenverzeichnis zu Kapitel 3

4 Ethische Aspekte des Bioökonomiediskurses
4.1 Einführung und Problemaufriss
4.1.1 Das Ziel ethischen Handelns
4.1.2 Zentrale ethische Konflikte des Bioökonomiediskurses
4.2 Das Mensch-Natur-Verhältnis
4.2.1 Das Mensch-Natur-Verhältnis in den drei Diskursen
4.2.2 Die vier Pfeiler der Umweltethik
4.2.2.1 Um den Menschen allein dreht sich die Welt (Anthropozentrismus)
4.2.2.2 Empfindungen machen den Unterschied (Pathozentrismus)
4.2.2.3 Die Natur ist "heilig" (Ökozentrismus)
4.2.2.4 Was lebt, ist "heilig" (Biozentrismus)
4.2.3 Risiko als relevante Kategorie für das Mensch-Natur-Verhältnis
4.3 Gerechtigkeit und Bioökonomie
4.3.1 Gerechtigkeitsbezüge in den drei Diskursen
4.3.2 Was ist Gerechtigkeit?
4.3.2.1 Gleiche Regeln für alle (Verfahrensgerechtigkeit)
4.3.2.2 Gleichheit ist wertvoll an sich (Verteilungsgerechtigkeit: Egalitarismus)
4.3.2.3 Genug für ein gutes Leben haben (Verteilungsgerechtigkeit: Suffizienziarismus)
4.3.3 Wie groß ist die Reichweite von Gerechtigkeit?
4.4 Anwendung auf die Bioökonomie
4.4.1 Wo wir stehen
4.4.2 Allgemeine Forderung zur Bioökonomie aus ethischer Sicht
4.4.2.1 Suffizienzanforderungen aus Postwachstumsökonomie und "Green New Deal" verwirklichen
4.4.2.2 Profitinteressen müssen zurückstehen
4.4.3 Konkrete Forderung zur Bioökonomie aus ethischer Perspektive
4.4.3.1 Kein Recht auf Fleisch
4.4.3.2 Politischen Einfluss durch Gremien und Lobbys fair gestalten
4.4.3.3 Landnutzung für Arme garantieren
4.5 Quellenverzeichnis zu Kapitel 4

A Anhang
A.1 Anhang A: Bioökonomie-Strategien (weltweit)
A.2 Anhang B: Fragenkatalog
A.3 Anhang C: Liste der Interviewpartner/-innen
A.4 Primärtexte für die Diskursanalyse (Korpus)

Schlüsselwörter
Brasilien, Indonesien, Italien