Wie sahen die Ökosysteme von Nord- und Ostsee vor über 100 Jahren aus? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, besuchte das Projektteam des Ecologic Instituts im Rahmen des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Projekts „Die deutsche Nord- und Ostsee vor über 100 Jahren“ im Februar 2026 das Museum für Naturkunde Berlin. Zwischen historischen Präparaten, handschriftlichen Inventarbüchern und wissenschaftlichen Sammlungen eröffneten sich neue Perspektiven auf die marine Vergangenheit – und überraschende Erkenntnisse für den heutigen Meeresschutz.
Auf Spurensuche in der Sammlung des Naturkundemuseums Berlin
Im Rahmen des Projekts „Die deutsche Nord- und Ostsee vor über 100 Jahren“ arbeiten Dr. Grit Martinez, Gregory Fuchs, Teresa Spantzel, Dr. Nico Stelljes und Fabian Haase vom Ecologic Institut zusammen mit den Wissenschaftlern Dr. Hartwig Schulz und Florian Hoffmann an einer wissenschaftlich fundierten historischen Baseline der deutschen Meeresökosysteme. Ziel ist es, frühere Verbreitungsmuster, Abundanzen und ökologische Rollen zentraler Arten zu rekonstruieren – als Referenz für heutige Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen.
Forschung an historischen Sammlungsobjekten
Ein zentraler Baustein dieser Arbeit ist der Blick in naturkundliche Sammlungen. Im Februar 2026 führte der Weg daher nach Berlin ins Museum für Naturkunde. Gemeinsam mit dem Meeresbiologen und Experten für marine Säugetiere Dr. Carl Christian Kinze von der Universität Kopenhagen erhielt das Team Zugang zu ausgewählten Sammlungsobjekten von Seevögeln, Fischen, benthischen Organismen und Meeressäugetieren.
Sammlungen als Grundlage für ökologische Referenzdaten
Die historischen Präparate liefern wertvolle Hinweise auf frühere Verbreitungsgebiete und Bestandsgrößen von Schlüsselarten in Nord- und Ostsee. Gerade in Zeiten tiefgreifender ökologischer Veränderungen helfen solche Referenzdaten, den Umfang langfristiger Verschiebungen besser zu verstehen. Im Austausch mit den Teams der einzelnen Artengruppen gewann das Projektteam wichtige Einblicke in Sammlungsschwerpunkte, Erfassungsmethoden und Aufbewahrungssysteme. Diskutiert wurde insbesondere die Aussagekraft einzelner Objekte für ökologische Fragestellungen, Möglichkeiten des Abgleichs mit anderen naturkundlichen Sammlungen, Nutzen und die Grenzen bestehender digitaler Datenbanken sowie Perspektiven für zukünftige Synergien zwischen Sammlungen und Forschungsprojekten. Deutlich wurde dabei: Sammlungen sind weit mehr als Archive vergangener Biodiversität – sie sind aktive Forschungsinfrastrukturen mit großem Potenzial für interdisziplinäre Kooperationen.
Ein seltenes Präparat mit besonderer wissenschaftlicher Bedeutung
Ein besonderer Moment der Sichtung war die Begutachtung eines seltenen Präparats eines marinen Säugetiers mit Kalb aus der südlichen Ostsee, das Dr. Carl Christian Kinze eindeutig datieren konnte. Diese zeitliche Einordnung verleiht dem Objekt eine außergewöhnliche Bedeutung – nicht nur als wissenschaftlicher Beleg, sondern auch als Zeugnis historischer Populationsstrukturen in der Region.