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Küstenzonenmanagement, Klimawandel und die Rolle der Klimawissenschaft

Küstenzonenmanagement, Klimawandel und die Rolle der Klimawissenschaft

Timeloc
5. Juli 2011

Wie sollten Küstenzonen an die Auswirkungen des Klimawandels, wie den Meeresspiegelanstieg, am besten angepasst werden?  Wie hoch ist die Gefährdung einzuschätzen und welche Entscheidungen und Abwägungen müssen getroffen werden? Wie sollte sich die wissenschaftliche Gemeinschaft an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik verhalten. Diese und weitere Fragen wurden während eines Ecologic International Riverside Chat mit Michael K. Orbach und Hans von Storch am 5. Juli 2011 in Berlin diskutiert.


Die französische Künstlerin Pascall Venot visualisierte die Diskussion in einer Zeichnung

Der Riverside Chat fokussierte auf die Themen Küstenzonenmanagement in Zeiten des Klimawandels und die Rolle der Klimawissenschaft in Politik und Gesellschaft. Er  wurde unter der Schirmherrschaft der US-amerikanischen Botschaft in Berlin und dem Projekt Regionale Anpassungsstrategien für die deutsche Ostseeküste (RADOST) durchgeführt. Zu der Veranstaltung war ein internationales und transdisziplinäres Publikum geladen und ist Teil des internationalen Arbeitspakets vom RADOST Projekt. Hans von Storch ist Leiter des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und Professor am Meteorologischen Institut der Universität Hamburg. Michael K. Orbach ist Professor of the Practice of Marine Affairs and Policy und Direktor der Duke University Marine Laboratory an der Duke University’s Nicholas School of the Environment. Die französische Künstlerin Pascall Venot visualisierte die Diskussion in einer Zeichnung.


Hans von Storch (Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht) und Michael K. Orbach (Duke Universität)

In seiner Einleitung sprach Hans von Storch von der post-normal science, in der die Wissenschaft sich mit Situationen konfrontiert sieht, in denen "facts uncertain, values in dispute, stakes high and decisions urgent" sind. Weiterhin wies er darauf hin, dass zwar unter den Klimawissenschaftlern nahezu Einigkeit darüber besteht, dass ein Wandel des Klimas stattfindet, aber in der öffentlichen Wahrnehmung diese Überzeugung seit einigen Jahren beständig sinkt. Dies könne mit einer verfehlten Kommunikationsstrategie von klimarelevantem Wissen zusammenhängen, so von Storch. Hinzu kommt, dass das Wissen vom Klimawandel ein soziales Konstrukt ist und daher unterschiedliche Vorstellungen von diesem Konstrukt existieren, die in Konkurrenz zu einander stehen können. So unterliegt der Umgang mit dem Klimawissen in den Medien anderen Regulierungen als in der Wissenschaft oder Politik. Für eine Verbesserung der Kommunikation ist es notwendig, sich dieser unterschiedlichen Interessen und Regularien bewusst zu machen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer verständlichen Form der Öffentlichkeit mitzuteilen. Außerdem ist es notwendig, offen über die Unstimmigkeiten innerhalb der Klimawissenschaft zu diskutieren. Als Fazit hob von Storch die Problematik der Politisierung der Wissenschaft und die Wissenschaftlichkeit der Politik hervor, da hierbei starke normative Wertungen vorgenommen werden.


Alice Harrison (Transparency International), Michael K. Orbach (Duke Universität), Andrew Reid (Ecologic Institut) und Teun Bastemeijer (Water Integrity Network)

Michael K. Orbach teilte in seinem Vortrag den Standpunkt von Prof. von Storch, in Bezug auf die Politisierung der Wissenschaft, da die Wissenschaft nicht vorschlagen kann, was sein sollte, ohne dabei eine normative Wertung vorzunehmen. Dr. Orbach fokussierte anschließend vornehmlich auf den Meeresspiegelanstieg aus anthropologischer Sicht. Er geht davon aus, dass im globalen Mittel ein Anstieg von ein bis zwei Metern in diesem Jahrhundert zu verzeichnen sein wird. Diese Entwicklung sei nicht aufzuhalten, daher stehen Küstenkommunen vor der Aufgabe, sich an diese Entwicklung anzupassen. Das Problem dabei ist, so Orbach weiter, dass eine solche Entwicklung in der Geschichte der menschlichen Kultur mit signifikanter Baustruktur unbekannt ist und dass die bestehenden rechtlichen Bestimmungen an einen konstanten Meeresspiegel angepasst sind. Daher wird eine wesentliche Entscheidung sein, ob diese Küstenkommunen geschützt oder verlassen werden sollen. Da der Umgang mit dieser Entscheidung stark von der Kultur geprägt ist (die sich in der Gesetzgebung widerspiegelt), wird der Entscheidungsprozess unterschiedlich ausfallen, jedoch in jedem Fall eine langfristige Planung und ausreichen Planungskapazitäten benötigen.

Anschließend entspann sich eine lebendige Diskussion, in der vielfältige Themen angesprochen wurden. Der nicht-nachhaltige Umgang der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Verbreitung von Klimawissen wurde diskutiert. Dabei wurde dargelegt, dass ein Stil in Sinne von Sensationsmeldungen vermieden werden sollte, um auf lange Sicht das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht zu verlieren. Außerdem sollte der Klimawandel nicht als separates Problem behandelt werden, sondern in Zusammenhang mit Demografie oder Entwicklungsfragen gesehen werden.

Aber auch unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf den angenommenen Meeresspiegelanstieg oder dem Zeithorizont, in welchen Adaptionsmaßnahmen durchgeführt werden sollten, wurden in der Diskussion ersichtlich. Ein unverzüglicher Beginn der Adaptionsmaßnahmen wurde vorgeschlagen, da im Zuge der Anpassung großflächige Küstengebiete neu geplant werden müssen. Anderseits können mit den Maßnahmen gewartet werden, bis verlässlichere Expertisen nötige Handlungen aufzeigen. Die Verantwortung der Medien mit ihren Möglichkeiten zur Konstruktion der öffentlichen Meinung in Bezug auf den Klimawandel wurde ebenso debattiert, wie die Unzulänglichkeit aktueller politischer Zeithorizonte für die Planung und Umsetzung geeigneter Anpassungsmaßnahmen. 

Abschließend konnte sich die Gruppe darauf einigen, dass in Anbetracht der Postnormalität des Klimawandels, sich das Zusammenwirken von Politik und Wissenschaft verändern muss. In der  Politik muss der ungenügende Zeithorizont von vier oder fünf Jahren in Bezug auf klimarelevante Entscheidungen anerkannt werden. Gleichzeitig bietet für die Wissenschaft, auch wenn die Politisierung der Wissenschaft kritisch gesehen wird, diese Entwicklung eine Chance, wenn dieser Umgang in verantwortungsbewusster Weise geschieht.

Dem Riverside Chat ging eine Vorlesung von Michael K. Orbach voraus, die am Ecologic Institute Berlin gehalten wurde. In diesem Vortrag mit dem Titel "Cultural and Historical Perspectives on Sea Level Rise: Our Migrating Coasts and Human Communities" (Kulturelle und historische Perspektiven auf den Meeresspiegelanstieg: unsere wandernden Küsten und Gemeinden) blickte er aus anthropologischer Sicht auf die Herausforderungen des Meeresspiegelanstiegs für die Küstenkommunen. Aufgrund der unterschiedlichen Wertzuschreibungen für die Küste weltweit und den großen und teilweise unbekannten Herausforderungen für Planungs- und Anpassungsstrategien ist ein sofortiger Begin der Planung für Anpassungsmaßnahmen dringend nötig.


Sprecher
Michael K. Orbach
Hans von Storch
Datum
5. Juli 2011
Ort
Schlüsselwörter
Klimawandel, Adaption, regionale Adaptionsstrategien, Küstenschutz, Klimadaten, Wissenstransfer