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Wissenschafts-Praxis-Dialog zu Klimaanpassung an der deutschen Ostseeküste - 2. RADOST-Jahreskonferenz

Wissenschafts-Praxis-Dialog zu Klimaanpassung an der deutschen Ostseeküste - 2. RADOST-Jahreskonferenz

Selten haben Wissenschaftler und Praktiker die Gelegenheit sich so aktuell und direkt zum Thema  Klimaanpassung auszutauschen, wie bei der 2. RADOST-Jahreskonferenz am 18. und 19. Mai 2011 in Travemünde. Welche Auswirkungen der Klimawandel regional und lokal an der deutschen Ostseeküste erwarten lässt, wie sich die Akteure vor Ort daran anpassen können und welche weiteren Informationen sie von der Wissenschaft als Handlungsgrundlage benötigen, diskutierten 75 Wissenschaftler aus den Disziplinen der Klima- und naturwissenschaftlichen Forschung, der Politologie und Soziologie mit Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und den Zivilgesellschaften in mehreren Wissenschafts-Praxis-Dialogen. Damit erhielten Akteure, die künftig die Klimaanpassung in ihrer Region voranbringen wollen, eine weitere Möglichkeit, den Entwicklungsprozess aktiv mitzugestalten.

Die Präsentation bisheriger RADOST-Untersuchungen dienten dabei als Ausgangspunkte von Diskussionen zu verschiedenen Themenfeldern.


Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Akteuren ist ein Schlüsselfaktor in der regionalen Anpassung an den Klimawandel

Eine vom  Ecologic Institut Berlin und dem Helmholtz Zentrum Geesthacht durchgeführte Befragung unter kommunalen Entscheidungsträgern  in den Gemeinden  entlang der  deutschen Ostseeküste bestätigte, dass Klimawandel in der Region als Problem wahrgenommen wird.  Aber auch wenn Anpassungsmaßnahmen als notwendig angesehen und als dringend eingestuft werden, besteht große Unsicherheit über individuell geeignete Anpassungsmaßnahmen.  Die Verständlichkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und der direkte Austausch mit Wissenschaftlern wurden von den Befragten als mittelmäßig eingeschätzt. An diesem Punkt setzt das Projekt RADOST an, in dem es versucht Klima- und naturwissenschaftliche und sozio-ökonomische Forschungsergebnisse in allgemein verständlicher Form in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen: beispielsweise durch regionale Klimabüros, die Akteuren Informationen über regionale Klimaentwicklungen zur Verfügung stellen, durch regional Veranstaltungen, Foren und runde Tische, direkte Kommunikation mit den Verwaltungsebenen und eine regional angelegte Öffentlichkeitsarbeit.

Weitere Präsentationen von Projektergebnissen verdeutlichten die zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels an der deutschen Ostseeküste. Diese Auswirkungen werden in verschiedenen Bereichen unterschiedlich ausfallen:

Bei der Betrachtung von Zukunftsszenarien für den Tourismus an der deutschen Ostseeküste wird der Einfluss des Klimawandels zwar als bedeutend eingestuft – jedoch nur als einer von vielen entscheidenden Faktoren, zu denen auch Wirtschaftsentwicklung und demografischer Wandel gehören. Ein zusätzlicher indirekter Einfluss wird durch neue Besucherströme aus Ländern erwartet, die durch steigende Temperaturen bzw. zu große Hitze Besucher verlieren könnten.
Auf die Landwirtschaft kommen durch den Klimawandel in den nächsten 100 Jahren Änderungen der Ertragsgrößen durch regional unterschiedlichen Temperaturanstieg, saisonal unterschiedliche Veränderungen bei Niederschlägen (insb. Zunahme der Winterniederschläge und Zunahme der Frühsommer- und Sommertrockenheit), Verlagerung von Vegetationszonen und Veränderungen des Krankheitsdrucks sowie Zunahme von Extremereignissen zu. Die durch RADOST derzeit entstehenden Klimaszenarien sollen zukünftig weiter Aufschluss darüber geben, welche Regionen positiv oder negativ betroffen sein werden und auch Informationen zu Stickstoff- und Phosphor-Überschüssen bis auf Gemeindeebene herunter gebrochen wiedergeben.

Die Wissenschaftler waren sich einige, dass sich Nährstoffeinträge durch die Landwirtschaft und die direkten Einflüsse des Klimawandels in den nächsten 100 Jahren einen erheblichen Einfluss auf das Ökosystem Ostsee haben werden. Während die Wassertemperatur steigt, werden Eisbedeckung im Winter und Salzgehalt weiter abnehmen. Die Umsetzung von Schutzmaßnahmen, wie die Reduktions-Ziele des Baltic Sea Action Plan wurden deshalb als unbedingt notwendig eingestuft.


Klimawandel und Küstenzone - Praktische Auswirkung und Anpassung Dr. Gerald Schwernewski, Leibnitz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW)

Die Effektivität konkreter Maßnahmen, wie z. B. die Errichtung von Muschelfarmen, um zu hohe Nährstoffeinträge in die Ostsee zu verhindern, wird derzeit durch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde untersucht.

Bei der Konferenz anwesende Entscheidungsträger aus der Praxis, wie Hans-Joachim Meier, Amtsleiter des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg,  Wolfgang Vogel, Direktor des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein und Dr. Johannes Oelerich, Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein honorierten die große Bandbreite der Forschungsarbeiten von RADOST. Sie betonten darüber hinaus die Wichtigkeit der Koordination und Kooperation zwischen den Verwaltungsgremien  und die Unterstützung von partizipativen Prozessen in den Ostseekommunen.

In einem weiteren inhaltlichen Block zu Seegang und Strömungsverhalten der Ostsee präsentierten die Wissenschaftler von RADOST, mit welchen Effekten durch den Klimawandel zu rechnen ist. Bekannt ist, dass ein dauerhafter Anstieg des Wasserstandes um 1 m zu einem durchschnittlichen Verlust von etwa 100 m Küstenlinie führt.

Für die lokale Ebene sind jedoch mit ganz unterschiedlichen Effekten zu rechen. Durch intensives Monitoring und genaue Klimamodellierungen stellen die Wissenschaftler von RADOST lokal aufgeschlüsselte Daten zusammen. Zum Beispiel werden bezüglich der Wellenhöhe bei Berechnungen für Warnemünde/Westermarkelsdorf in Zukunft seltener geringe Wellenhöhen und häufiger mittlere und hohe Wellenhöhen erwartet, was eine Zunahme der Wellenenergie insbesondere zum Ende des 21. Jh. bedeuten würde. Für  Travemünde hingegen werden mittlere Wellenhöhen seltener erwartet, geringe Wellenhöhen dagegen häufiger – also ein entgegengesetzter Trend. Entsprechend werden Veränderungen des küstenparallelen Sedimenttransports erwartet.


Teilnehmer der 2. RADOST-Jahreskonferenz in Lübeck-Travemünde

Neben den intensiven Wissenschafts-Praxis-Dialogen wurden im Rahmen der Konferenz weitere konkrete Anpassungsprojekte, wie der Klimapavillon Schönberg, oder die Untersuchungen zu thermischer Energiegewinnung in Küstenschutzanlagen vorgestellt.  Multimedia-Veranstaltungen und weitere innovative Präsentationsmaterialien zeigten die Bandbreite der Möglichkeiten, Informationen zum Klimawandel in der Ostsee für verschiedene Zielgruppen verständlich und sinnvoll aufzubereiten.

Weiterführende Links:

Stichworte: Klimawandel, Anpassung, regionale Anpassungsstrategien, Naturschutz, Häfen, maritime Wirtschaft, Tourismus, Küstenschutz, erneuerbare Energien, Gewässermanagement, Landwirtschaft, Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Ostseeküste