Photo: Tauri Pärna, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, Cover: American Association for the Advancement of Science (AAAS), 2026
EU Omnibus Proposal Increases Pesticide Risks
More efficient environmental risk assessment and stronger protection are achievable
- Publikation
- Zitiervorschlag
Dimitry Wintermantel et al., EU Omnibus proposal increases pesticide risks. Science0, DOI: 10.1126/science.aeg8744
Die Europäische Kommission verfolgt mit dem vorgeschlagenen Omnibus Simplification Package das Ziel, Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel zu vereinfachen und regulatorische Belastungen innerhalb der Europäischen Union zu reduzieren. Ein im Fachjournal Science veröffentlichtes Policy Forum warnt jedoch davor, dass die vorgeschlagenen Änderungen zentrale Elemente der bestehenden Umweltrisikobewertung schwächen und dadurch Risiken für Biodiversität, Umwelt und menschliche Gesundheit erhöhen könnten. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren weist der aktuelle europäische Rechtsrahmen bereits erhebliche Defizite auf. Dazu zählen unter anderem die unzureichende Berücksichtigung vieler Nichtzielorganismen, die fehlende Bewertung kumulativer und kombinierter Wirkungen mehrerer Pestizide sowie die begrenzte Erfassung subletaler und indirekter Effekte. Anstatt diese Schwachstellen zu beheben, könnte der Omnibus-Vorschlag sie weiter verschärfen.
Kritik an unbefristeten Wirkstoffzulassungen
Im Mittelpunkt der Kritik steht die geplante Einführung weitgehend unbefristeter Zulassungen für Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe. Das bestehende System sieht regelmäßige Überprüfungen vor, die es ermöglichen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aktualisierte Prüfmethoden und unabhängige Forschungsergebnisse in die Risikobewertung einzubeziehen. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass der Wegfall verpflichtender periodischer Überprüfungen die Wahrscheinlichkeit verringern würde, neu auftretende Risiken frühzeitig zu erkennen und regulatorisch zu adressieren. Seit Einführung des harmonisierten EU-Bewertungssystems im Jahr 2011 wurden zahlreiche Wirkstoffe aufgrund von Umwelt- oder Gesundheitsbedenken nicht erneut zugelassen oder vom Markt genommen. Der Verzicht auf regelmäßige Neubewertungen könnte daher die weitere Verwendung potenziell problematischer Substanzen verlängern und Anreize für die Entwicklung sichererer Alternativen schwächen.
Weniger unabhängige Wissenschaft und eingeschränktes Monitoring
Der Beitrag hebt zudem hervor, dass die vorgeschlagenen Regelungen die Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse in Zulassungsverfahren erschweren könnten. Künftig würden frühere EU-weite Bewertungen stärker gewichtet, während neu veröffentlichte unabhängige Studien möglicherweise weniger Einfluss auf Entscheidungen über Pflanzenschutzmittel hätten. Darüber hinaus sieht das Omnibus-Paket vor, Dokumentationspflichten für bestimmte biologische Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Dies könnte die Verfügbarkeit von Daten für Monitoring- und Bewertungsprozesse einschränken. Die Forschenden betonen, dass ein robustes Monitoring von Anwendung, Rückständen und Umweltauswirkungen unverzichtbar ist, da reale Expositionsszenarien deutlich komplexer sind als die Bedingungen standardisierter Vorabprüfungen.
Vorschläge für eine wirksamere und zugleich effizientere Regulierung
Anstelle einer Abschwächung bestehender Schutzmechanismen schlagen die Autorinnen und Autoren Reformen vor, die sowohl die Umweltrisikobewertung verbessern als auch regulatorische Prozesse effizienter gestalten könnten. Dazu gehören die stärkere Berücksichtigung bislang unterrepräsentierter Organismengruppen wie Amphibien, Reptilien, Fledermäuse und Pilze, verbesserte statistische Standards für Sicherheitsbewertungen, ein transparenterer Zugang zu regulatorischen Studiendaten sowie die systematische Einbindung unabhängiger wissenschaftlicher Forschung. Ergänzend empfehlen sie den Aufbau robuster Monitoring- und Datensysteme für Pestizidanwendungen, Rückstände und ökologische Auswirkungen. Die gewonnenen Informationen sollten über definierte Rückkopplungsmechanismen direkt in künftige Risikobewertungen und gezielte Neubewertungen einfließen.
Vereinbarkeit mit Biodiversitäts- und Wiederherstellungszielen
Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass die vorgeschlagenen Änderungen im Omnibus-Paket im Widerspruch zu europäischen und internationalen Verpflichtungen im Bereich Biodiversitätsschutz, Ökosystemwiederherstellung und nachhaltige Landwirtschaft stehen könnten. Eine wirksame Pestizidregulierung sollte auf klar definierten Schutzzielen, wissenschaftlich fundierten Risikobewertungen, transparenten Entscheidungsprozessen und adaptiven Monitoring-Systemen beruhen. Ein solcher Ansatz könnte sowohl den Schutz von Umwelt und Gesundheit stärken als auch das Vertrauen in regulatorische Verfahren fördern.